Das war die InnoTrans 2018 – „Die Mobilität wird smart“

Andreas Rava

Nicht nur in der Energiebranche (SmartGrids) oder in der Diskussion in der Raumentwicklung (SmartCities), sondern auch in der Mobilität bedient man sich mittlerweile des Adjektivs „smart“. Immer häufiger ist es in Konzepten, Produktnamen, Projekttiteln und Konferenzprogrammen zu finden. So auch an der diesjährigen InnoTrans, der weltweit grössten Ausstellung mit Fokus auf die Bahnindustrie.

Von Andreas Strahm und Andreas Rava.

Was bedeutet dies nun aber in konkreten Themenfeldern? Nachfolgend eine Zusammenfassung von unserem Besuch zu den Themen Kundeninformation, Unterhalt, Billettverkauf sowie Stellwerke und Leittechnik.

Generell hatten wir den Eindruck, dass sich Systeme (technische, organisatorische) eher am öffnen sind und damit eine Vernetzung und Integration über heutige Systemgrenzen hinweg ermöglicht werden. Als Firma wie Puzzle, die sich stark an den Werten von Open Source orientiert, ist das natürlich ein erfreulicher Trend. Die Integration führt zwar zu einer grösseren Komplexität und je nach dem auch zu Abhängigkeiten, lässt aber Optimierungen auf dem „neuen“ Gesamtsystem zu, welche auf dem Einzelsystem nicht realisierbar wären. Bezogen auf die eingangs erwähnten Branchen bedeutet dies, dass Mobilität im Dreieck mit Raumentwicklung und Energie betrachtet werden sollte. Anstrengungen in diese Richtung bestehen bereits und in der Schweiz wurde auf Bundesebene ein Orientierungsrahmen in Form eines Strategiepapiers ämterübergreifend erarbeitet. (Zukunft Mobilität Schweiz – UVEK-Orientierungsrahmen 2040). Ziel muss hier sicher sein den Ressourcenverbrauch trotz Erhöhung der Kapazitäten und gleichzeitigen Kosteneinsparungen zu senken.

Kundeninformation

Im Bereich der Kundeninformation klaffen die Realität und die an der InnoTrans gezeigten Lösungen stark auseinander. So sind im Alltag heute auf gewissen Strecken nach wie vor Züge ohne grafische Kundeninformation unterwegs. Ist ein grafisches Kundeninformationssystem vorhanden, so sind es häufig Einzeilen-Displays in LED Technologie, welche den nächsten Halt anzeigen können. Je nach Lösung werden durch Laufschrift eine Anzahl weiterer Stationen angezeigt.
An der InnoTrans werden Farbdisplays in LCD, LCD mit LED Hintergrundbeleuchtung oder OLED Technologie vorgestellt. Letztere ermöglicht aufgrund des dünnen Aufbaus von wenigen Millimetern auch sogenannte «in-Glass» Anwendungen. So können in Zukunft Glasflächen im Inneren des Zuges oder die Fenster als Anzeigen genutzt werden. Damit lassen sich mehrere Stationen gleichzeitig in Form einer „Perlschnur“ darstellen, wie wir uns das in der Schweiz insbesondere im S-Bahn Verkehr bereits gewohnt sind. Vermehrt liefern Kundeninformationssysteme auch Informationen zur aktuellen Betriebslage, also Echtzeitinformationen wie Anschlussinformationen oder Abgangsverspätungen für bevorstehende Stationen oder den aktuellen Zug selbst. Auch dies sind wir uns in der Schweiz bereits gewohnt. Von einem deutschen Besucher und ÖPNV Benutzer haben wir uns sagen lassen, dass ihm solche dynamischen Informationen im deutschen Bahnverkehr nicht bekannt sind.
Auch im Bereich der Kundeninformation auf dem Perron und den Fahrzeug-Aussenanzeigen tut sich einiges. So waren vereinzelt Lösungen zu sehen, welche neben der Zugskomposition auf den Wagen genau Informationen wie Belegung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit zum einfahrenden Zug darstellen. Insbesondere die Information der Belegung hat aus meiner Sicht Potential in Bezug auf die Lenkung der Fahrgäste. Für die Erhebung der Belegung sieht man unterschiedliche Techniken wie z.B. mit Gewichtssensoren oder durch Bilderkennung mittels Überwachungskameras. Während die erste Technik eher ungenau, dafür einfach ist, ist bei letzterer die Genauigkeit besser, stellt aber höhere Anforderungen an den Datenschutz.
Im Ideenzug der DE-Regio welcher unter kompetenter Führung besichtigt werden konnte und ein Experimentier-Lab ist, hat man versucht alle neuen Technologien zu einer optimalen User Experience zu verschmelzen.
Auch sehr spannend und wohl eine erste Antwort für den oben erwähnten ÖPNV Benutzer, fanden wir die Arbeiten des Forschungsprojekts Kobiflexion, welche im Rahmen der Ausstellung des Ideenzug vorgestellt wurden. Im Rahmen des Forschungsprojekts Kobiflexion (Konzept bedarfsgerechte, innovative und flexible Fahrgastinformation) hat die Innovationsallianz Deutsche Bahn AG und TU Darmstadt ein Modell entwickelt, mit welchem die unterschiedlichen Arten von Kundeninformation abhängig von der Position im Zuglauf priorisiert werden können.

Mit der zunehmenden Digitalisierung von Fahrzeugen muss die Fahrzeugarchitektur es in Zukunft zulassen, dass je nach Ebene, Komponenten unterschiedliche Lebenszyklen aufweisen können. Ein weiterer wichtiger Aspekte ist der Einsatz offener Standards. Nur so wird es möglich sein, dass sich ein Fahrzeug effizient an das neue Umfeld (Business-Modelle, Technologie etc.) adaptieren kann. Fahrzeughersteller, welche sich dem bewusst sind, werden in Zukunft aus meiner Sicht die Nase vorne haben.

Unterhalt

Ein Thema mit viel Potential im Zeitalter von BigData / AI ist der vorausschauende Unterhalt (Predictiv Maintainance). Wir hatten den Eindruck, dass dieses Jahr auffällig mehr Produkte, Lösungen oder Dienstleistungen zu sehen waren. Mit dem Messgerät RML 3000 oder anderen Messdatenquellen in Kombination mit der RailCloud hat zum Beispiel Autech eine Lösung vorgestellt, mit welcher eine vorausschauende Instandhaltungsplanung des Schienennetzes, auf den Abschnitt genau und damit sehr effizient umgesetzt werden kann. Auch SmartMotors hat interessante Lösungen im Bereich des Unterhalts des Schienennetzes wie auch der Fahrzeugflotte. Dies sind nur zwei Beispiele stellvertretend für viele weitere im Bereich des vorausschauenden Unterhalts.

Billetverkauf

Mobilität as a Service (MaaS) und „Account Based Ticketing“ sind zurzeit top Themen der Mobilitätsbranche. Dies war auch an der InnoTrans nicht anders und sehr stark wahrnehmbar. Postpaid Ticket Lösungen wie z.B. Lezzgo, fairtiq und abilio in der Schweiz sucht man jedoch vergebens. Zwar gibt es vereinzelt Pilotprojekte z.B. der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) mit nextTicket, welche in Richtung Check-In/Check-Out gehen, jedoch nicht den produktiven Status haben wie die genannten Lösungen in der Schweiz.

Interessant sind die Initiativen zur Etablierung von Plattformen, welche die unterschiedlichen Akteure (Fahrgäste, Öffentlicher Verkehr, private Mobilitätsanbieter, Behörden etc.) vernetzen und damit ein breites intermodales Angebot bieten. Hier sind wir gespannt, was für Standards sich in diesem Bereich etablieren werden.

Stellwerke und Leittechnik

Das Thema Stellwerke und Leittechnik interessierte uns an der InnoTrans besonders, da wir nun schon einige Monate beim Projekt SmartRail4.0 mitarbeiten. Ein Ziel von SmartRail4.0 ist die Entwicklung eines neuen European Train Control System (ETCS) Stellwerks mit geometrischer Sicherheitslogik. Hierbei ist eine wichtige Neuerung gegenüber der aktuellen Sicherungstechnik der sogenannte Moving Block. Mit diesem erhalten Züge die Fahrerlaubnis nicht mehr in Form von geografisch fest definierten Fahrstrassenabschnitten, sondern in Form von Movement Authorities. Da die Ausdehnung der Movement Authorities dynamisch unter Berücksichtigung der tatsächlich zu fahrenden Geschwindigkeit, der Zugeigenschaften und der Betriebssituation festgelegt wird, kann die Kapazität des bestehenden Schienennetzes besser ausgenutzt werden als mit der vergleichsweise unflexiblen Fahrstrassenlogik der aktuellen Sicherungstechnik.

An ihrem Stand präsentierte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine Simulation, wie sich die Kapazität des Netzes durch Nutzung des Moving Block steigern lässt. Ein spannendes Forschungsthema, aber schlussendlich ohne relevante neue Erkenntnisse für uns, zumal im Rahmen von SmartRail4.0 ähnliche Analysen durchgeführt werden.
Im Zusammenhang mit Eisenbahntechnik dürfen auch die Produkte und Lösungen der Siemens Mobility nicht fehlen. An deren Aussenstand gibt es ein interessantes Video zu sehen, wo sich zwei Züge in Sichtdistanz folgten. Nachfolgende Nachforschungen im Internet ergaben, dass diese von der „Demonstration of Hybrid Level 3 by ProRail and NetworkRail with Alstom, Hitachi, Siemens and Thales“ stammten. Hier forschen und entwickeln also mehrere grosse Lieferanten und Eisenbahnunternehmen zusammen. Das gezeigte Video habe ich im Netz nicht gefundenen, dafür ein paar Eindrücke hier:

Auch die Deutsche Bahn ist vorne dabei und kann im Rahmen von ihrem „Living Lab“ einiges demonstrieren. Das folgende sehr anschauliche Video demonstriert dies eindrucksvoll.

Unter dem Hashtag #Digitale Schiene Deutschland  engagiert sich die Deutsche Bahn für die weitere Digitalisierung der Bahn und schreckt auch vor Grundlagenforschung nicht zurück. Sehr spannend fanden wir den Ansatz zur Lokalisierung von Zügen mittels fiberoptischen Sensoren. Denn trotz GPS und Galileo ist die stetige, genaue und zuverlässige Lokalisierung von Zügen nach wie vor schwierig zu realisieren, aber unentbehrlich für den Einsatz des Moving Block Konzepts.
Im Bereich Leittechnik war die Ausbeute an der InnoTrans eher dürftig. Ein interessanter Anbieter von Traffic Management Systemen (TMS) ist die Schwedische Cactus Rail. Das besondere an diesem Anbieter ist, dass er sich auf die Leittechnik konzentriert und keine eigenen Stellwerke im Programm hat. Das fördert die Nutzung von standardisierten Schnittstellen, welche im Bahnumfeld leider noch keine Selbstverständlichkeit sind. Unglücklicherweise unterstützt das Cactus Rail TMS gemäss eigenen Aussagen noch keine Moving Blocks.
Wo die Zukunft des Eisenbahnbetriebes bereits angekommen ist, sind geschlossene Systeme wie zum Beispiel Metrolinien. An ihrem Stand präsentierte Stadler Rail  ausführlich ihre Lösung für Metrolinien, welche sowohl Moving Blocks als auch den automatischen Fahrbetrieb (ATO) beinhaltet.

Rollmaterial, Aussengelände

Sehr eindrücklich an der InnoTrans sind jeweils die im Aussengelände zu besichtigenden Züge. Auch dieses Mal war der Schweizer Hersteller Stadler Rail sehr prominent vertreten. Der Stadler Zug des Glasgow Subway erinnerte uns wegen der beengten Platzverhältnisse ein wenig an eine Flaschenpost. Die Stadler/Siemens S-Bahnzüge für Berlin bringen endlich etwas Moderne in das Schienennetz der Hauptstadt, bleiben aber aussen unverwechselbar. Das gilt auch für den neuen Stadler Niederflurtriebzug für die RBS. Inzwischen sollten diese auch schon im Rahmen von Testfahrten in der Region Bern zu sehen sein. Der neue Stadler Flirt „Traverso“ der Südostbahn, beeindruckte mich durch eine komfortable Innenausstattung mit viel Holzdekoration. Auch ein Kaffee- und Snackautomat dürfen nicht fehlen. Es ist zu hoffen, dass diese auch nach einigen Jahr Betrieb noch einwandfrei funktionieren. Auch für das Ausland produziert Stadler Züge. Zu sehen war ein Exemplar des Elch- und Winterfesten Doppelstockzuges Dosto für die Schwedische AB Transitio.

Mit dem Besuch des Aussengeländes schlossen wir auch dieses Jahr unseren Besuch der InnoTrans ab. Im Gegensatz zu den Hallen, wo etliche Aussteller schon viele Stunden vor Ende der Ausstellung den Abbau ihrer Stände in Angriff nehmen, stand das Aussengelände auch am folgenden Wochenende für das Publikum offen.

Im Rahmen dieses Besuches konnten wir wiederum viel neues aus dem Bahnumfeld entdecken und einige interessante Kontakte knüpfen. Insofern hat sich der Besuch der InnoTrans auf jeden Fall gelohnt.

 

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