13. September 2024

IT-Beschaffungskonferenz 2024 – IT-Beschaffung 2.0: Die Handbremse lösen

Am 27. August 2024 versammelten sich im vonRoll-Areal der Universität Bern Expert:innen aus Verwaltung, Wirtschaft und Forschung zur IT-Beschaffungskonferenz 2024. Unter dem Motto «IT-Beschaffung 2.0: Die Handbremse lösen» wurden aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Innovationen in der IT-Beschaffung der öffentlichen Hand diskutiert. Im Fokus standen nachhaltige, effiziente und rechtssichere Lösungen. Im Rückblick findet ihr unsere Highlights und in den Titel die entsprechenden Präsentationen dazu.

Allgemein
IT Beschaffungskonferenz

Herausforderungen und Lösungen für kantonale ICT-Beschaffungen im Wandel

Astrid Bärtschi, Finanzdirektorin des Kantons Bern, eröffnete die Konferenz mit einem Vortrag über die Herausforderungen und Lösungsansätze für kantonale ICT-Beschaffungen. Sie beleuchtete den tiefgreifenden Wandel in den IT-Beschaffungen der öffentlichen Hand, getrieben durch neues Beschaffungsrecht, die Anwendung generativer KI, erhöhte Anforderungen an digitale Dienstleistungen und Fachkräftemangel. Besonders hob sie hervor, wie der Kanton Bern durch Kooperationen und Einsatz standardisierter Lösungen diese Herausforderungen meistert. Die bessere Vernetzung auf nationaler und kantonaler Ebene spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Als IT-Dienstleister beschäftigen uns auch die Anforderungen an nachhaltige, klimaschonende Lösungen. Nach der jüngsten ISO14001-Zertifizierung von Puzzle ITC betonte Bärtschi die Bedeutung langfristiger Planung und Synergienutzung, um die Digitalisierung effizient voranzutreiben.

Die freihändige Vergabe von IT-Dienstleistungen

Die Präsentation von Marc Steiner, Bundesverwaltungsrichter, der die neuesten Entwicklungen zur freihändigen Vergabe von IT-Dienstleistungen beleuchtete war das nächste Highlight. Diese Art der Vergabe, bei der öffentliche Auftraggeber IT-Dienstleistungen ohne öffentliche Ausschreibung direkt vergeben, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Stand heute werden rund 40% aller Ausschreibungen freihändig vergeben (!). Steiner stellte in seinem Vortrag den zur amtlichen Publikation bestimmten Entscheid des Bundesgerichts 2C_50/2022 vor, der sich mit einem freihändigen Verfahren im Kanton Waadt befasst.

Die rechtliche Komplexität rund um freihändige Vergaben betrifft auch uns als Anbieter, da sie die Transparenz und Fairness des Beschaffungsprozesses infrage stellen können. Marc Steiner ging darauf ein, wie solche Verfahren künftig besser dokumentiert und durch Alternativofferten ergänzt werden müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu wahren.

UX im öffentlichen Sektor – Nice-to-have oder Notwendigkeit?

Diese Session beschäftigte sich mit der Frage, ob User Experience (UX) im öffentlichen Sektor nur ein «nice-to-have» oder eine Notwendigkeit ist. Florian Divis von Adnovum verdeutlichte eindrucksvoll, warum UX heute nicht mehr ignoriert werden kann, insbesondere im Kontext von öffentlichen IT-Lösungen. Eine zentrale Erkenntnis aus der Session war, dass Bürgerinnen und Bürger mittlerweile von öffentlichen Anwendungen die gleiche Benutzerfreundlichkeit erwarten, die sie aus dem privaten Bereich kennen.

Ein Thema, das uns als Unternehmen stark beschäftigt, ist die Barrierefreiheit. Für Menschen mit Beeinträchtigungen ist Barrierefreiheit nicht bloss nice-to-have, sondern absolut essenziell. Mit der Einführung des European Accessibility Act (EAA) im nächsten Jahr wird in der EU Barrierefreiheit nicht nur im öffentlichen Sektor, sondern auch in der Privatwirtschaft eine Pflicht und zeigt, wie relevant das Thema ist.

EMBAG und Freigabe von Open Source

Mit dem Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben (EMBAG) wird die Bundesverwaltung mit dem Artikel 9 ab dem 1.1.2024 verpflichtet, den Quellcode für Software, die sie selber entwickelt oder entwickeln lässt, als Open Source Software zu publizieren. Bruno Schöb von der BK/DTI zeigte auf wie der Grundsatz «public money, public code» gelebt werden kann. Damit das Gesetz praktikabel umgesetzt werden kann, braucht der Bund für seine Verwaltungseinheiten und deren Softwareentwicklungsprojekte neben einer Governance auch Leitfäden und Checklisten. Unser Olivier Brian durfte einen ersten Einblick in die Hilfsmittel geben.

Aus der Praxis zeigte Xaver Weibel, CEO DV Bern welchen Einfluss auf die Firmakultur ein Wandel vom Open Source Konsument zum Open Source Produzent mit sich bringt. Er schaffte es, sein generationenübergreifendes Team auf dieser Reise mitzunehmen. Thomas Kinshofer vom BIT berichtete von seiner Erfahrung mit der Veröffentlichung des «Swiss Trust Broker» als Open Source Software.

ZenDiS – Digitale Souveränität durch Open Source

Am Nachmittag präsentierte Andreas Reckert das Zentrum digitale Souveränität (ZenDiS), eine Initiative, die als Bindeglied zwischen der öffentlichen Verwaltung und dem Open-Source-Ökosystem (OSS) fungiert. ZenDiS hat das Ziel, die digitale Unabhängigkeit der Verwaltung zu stärken, indem es öffentliche Institutionen dabei unterstützt, auf sichere und skalierbare Open-Source-Software zuzugreifen.
Die Abhängigkeit von grossen Technologieanbietern ist ein zentrales Problem für die öffentliche Verwaltung. Reckert zeigte eindrücklich, wie ZenDiS durch die Förderung von Open-Source-Technologien nicht nur die Wechselfähigkeit der Verwaltung erhöht, sondern auch die gestalterische Einflussnahme auf die Entwicklung digitaler Produkte ermöglicht. Besonders spannend für uns war der Ansatz, dass ZenDiS konkrete Lösungen bietet, um die Beschaffung von Open-Source-Software zu vereinfachen, was auch in Zukunft für viele öffentliche Institutionen eine attraktive Option darstellen könnte.

Fazit und Ausblick

Die IT-Beschaffungskonferenz 2024 hat gezeigt, dass die IT-Beschaffungsprozesse der öffentlichen Hand vor immer grösseren Herausforderungen stehen. Themen wie der Fachkräftemangel, die Integration von Künstlicher Intelligenz, die Notwendigkeit nachhaltiger Lösungen sowie die zunehmenden Sicherheitsanforderungen durch Cyberangriffe wurden intensiv diskutiert. Besonders beeindruckend war die Vielfalt an Lösungsansätzen, die sowohl technologische als auch organisatorische Aspekte berücksichtigten.

Die Rolle von Open Source und die Förderung der digitalen Souveränität sind zentrale Themen, die uns in den nächsten Jahren stark beschäftigen werden. Durch den Austausch mit anderen Akteuren konnten wir viele neue Erkenntnisse und Impulse mitnehmen, die uns bei der Umsetzung unserer eigenen Projekte helfen werden.

Der Blogpost wurde von Christian Gafner verfasst, mit freundlicher Unterstützung von Adrian Berteletti und Olivier Brian

  • Alle Videos zu den Sessions gibt es hier