3 small steps zu grünerer IT: Schritt 2 – Messen
Nachdem im ersten Schritt der Mini-Serie die Standortbestimmung im Fokus stand, geht es nun um eine zentrale Voraussetzung für jede Verbesserung: das Messen. Nur wer weiss, wo Emissionen entstehen, kann gezielt optimieren. Ob auf Unternehmens-, Infrastruktur- oder Softwareebene – die passenden Methoden helfen, Transparenz zu schaffen, Fortschritte sichtbar zu machen und Massnahmen zu vergleichen. In diesem Beitrag geben wir einen Überblick über gängige Messansätze und zeigen ausserdem, worauf es bei der Auswahl ankommt.
Warum Messen unverzichtbar ist
- Transparenz schaffen – du machst Energie- und CO₂-Verbrauch sichtbar.
- Potenziale erkennen – Daten zeigen, wo die grössten Hebel liegen.
- Fortschritte verfolgen – nur wer regelmässig misst, sieht echte Wirkung.
- Vergleichbarkeit ermöglichen – gleiche Metriken, gleicher Scope ⇒ faire Vergleiche.
Messmethoden im Überblick
| Ebene | Methode | Kurzeinschätzung |
|---|---|---|
| Unternehmen | GHG Protocol | Standard für Treibhausgas-Bilanzierung (Scopes 1–3) |
| Software-Produkt | Software Carbon Intensity (SCI) | CO₂-Intensität je Funktionseinheit |
| Hardware | Direkte Hardware-Messung | z. B. Smart-PDUs, On-Device-Sensoren |
| Software-Prozess | Profiler / Tracing | Energie je Prozess, Container oder Funktion |
| Cloud-Services | Provider-Dashboards/API | Strommix & CO₂-Intensität vieler Hyperscaler |
| Frontend | Web-Eco-Tools | Pagespeed w/ CO₂-Schätzung (z. B. ecograder) |
| Full Stack | Kombi-Ansatz | End-to-End-Analyse über alle Layers |
GHG Protocol
Das GHG Protokoll unterteilt die Emissionen in drei sogenannte «Scopes»:
- Scope 1: Direkte Emissionen: Emissionen aus Quellen, die im Besitz oder unter der Kontrolle des Unternehmens sind. Beispiele:
- Emissionen aus der Verbrennung von Brennnstoffen (z.B. in Heizungen oder Firmenfahrzeugen)
- Prozessbedingte Emissionen (z.B. aus chemischen Reaktionen)
- Scope 2: Indirekte Emissionen aus Energie: Emissionen, die durch den Verbrauch von zugekaufter Energie entstehen.
- Emissionen aus dem Verbrauch von eingekauftem Strom
- Emissionen aus dem Verbrauch von eingekaufter Wärme oder Kälte
- Scope 3: Andere indirekte Emissionen: Emissionen, die entlang der Wertschöpfungskette des Unternehmens entstehen. Scope 3 ist die umfangreichste und oft schwierigste Kategorie. Beispiele:
- Emissionen von Lieferanten (z.B. bei der Herstellung von Rohstoffen)
- Emissionen durch Geschäftsreisen
- Emissionen durch den Transport von Produkten
- Emissionen durch die Nutzung verkaufter Produkte
Warum ist das GHG Protokoll wichtig?
- Standardisierung: Es bietet einen einheitlichen Rahmen, um Emissionen zu erfassen und zu vergleichen.
- Transparenz: Es ermöglicht es Unternehmen, ihre Emissionen offenzulegen und Fortschritte zu verfolgen.
- Verantwortlichkeit: Es hilft Unternehmen, ihre Verantwortung für den Klimaschutz wahrzunehmen.
- Zielsetzung: Es bildet eine Grundlage für die Entwicklung von Reduktionszielen und -strategien.
Wie wende ich das GHG Protokoll an?
- Abgrenzung festlegen: Bestimme den organisatorischen Umfang (z.B. das gesamte Unternehmen oder bestimmte Standorte) und den Berichtszeitraum.
- Datenquellen identifizieren: Sammle Daten zu allen relevanten Emissionen in den drei Scopes.
- Emissionsfaktoren verwenden: Nutze Emissionsfaktoren, um Verbrauchsdaten (z.B. kWh Strom) in CO2e-Emissionen umzurechnen.
- Emissionen berechnen: Berechne die Emissionen für jeden Scope.
- Emissionen berichten: Dokumentiere die Ergebnisse in einem Treibhausgasinventar.
Das GHG Protokoll ist ein wichtiger Baustein für Unternehmen, die ihre CO2-Emissionen erfassen, reduzieren und darüber berichten wollen.
Um konkreter zu werden, zoomen wir näher heran und betrachten einen wichtigen Standard zur Bewertung der CO₂-Emissionen von Software: den Software Carbon Intensity (SCI) Index.
Was ist der SCI?
Der SCI Index ist ein standardisiertes Verfahren zur Messung und Bewertung der CO2-Emissionen, die durch die Entwicklung und den Betrieb von Software entstehen. Er hilft, den CO2-Fussabdruck von Software quantitativ zu bestimmen.
Warum ist der SCI wichtig?
- Spezifische Messung: Der SCI ermöglicht eine gezielte Bewertung der Umweltauswirkungen von Software.
- Vergleichbarkeit: Er bietet einen Standard, um den CO2-Fussabdruck verschiedener Softwarelösungen zu vergleichen.
- Optimierung: Er hilft Entwicklern und Unternehmen, Potenziale zur Reduktion von Emissionen in der Software zu erkennen.
- Transparenz: Er fördert die Transparenz über die Umweltauswirkungen von Software.
Wie wird der SCI berechnet?
Die grundlegende SCI-Formel lautet: SCI = (E * I + M) / R
- E: Energieverbrauch der Software in Kilowattstunden (kWh)
- I: Kohlenstoffintensität des Energiemixes in gCO2e/kWh
- M: Graue Energie, zusätzliche Emissionen (z.B. durch Hardwareanforderungen).
- R: Funktionale Einheit, Grösse über welche eine Software skaliert (z.B. Nutzeranzahl, Transaktionen usw.).
Erläuterung der Komponenten:
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Energieverbrauch (E)
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Der Energieverbrauch der Software kann durch Messungen im Betrieb oder durch Schätzungen während der Entwicklung ermittelt werden. |
| Kohlenstoffintensität (I) | Die Kohlenstoffintensität gibt an, wie viel CO2e pro Kilowattstunde Strom erzeugt wird. Dieser Wert hängt vom Energiemix des Standorts des Rechenzentrums ab (z.B. Anteil erneuerbarer Energien). |
| Graue Energie (M) | Dies umfasst die Emissionen, die bei der Herstellung und Entsorgung der für die Software benötigten Hardware entstehen. |
| Funktionale Einheit (R) | Die funktionale Einheit definiert, worauf sich der SCI bezieht (z.B. CO2e-Emissionen pro Transaktion, pro Nutzer, pro Stunde). |
Anwendungsbereiche des SCI:
- Softwareentwicklung: Bewertung der Umweltauswirkungen verschiedener Architekturen, Programmiersprachen oder Algorithmen.
- Betrieb: Messung des CO2-Fussabdrucks von Software im laufenden Betrieb.
- Beschaffung: Vergleich der Umweltauswirkungen verschiedener Softwareprodukte.
- Berichterstattung: Offenlegung des CO2-Fussabdrucks von Software als Teil der Nachhaltigkeitsberichterstattung.
Der SCI Index ist ein wichtiges Werkzeug, um die Umweltauswirkungen von Software zu quantifizieren und zu reduzieren. Aber wie sieht die praktische Anwendung aus? Starten wir mit der Definition des SCI Scopes. Diese ist ein entscheidender Schritt, um eine aussagekräftige und vergleichbare SCI-Messung durchzuführen.
Warum ist die Scope-Definition wichtig?
Der Scope legt fest, welche Teile des Software-Systems und welche Emissionen in die SCI-Berechnung einfliessen. Dokumentiere Scope & Annahmen – so bleibt der SCI später vergleichbar.
- Messbarkeit zu gewährleisten: Ein gut definierter Scope hilft, die benötigten Daten zu identifizieren und zu erfassen.
- Vergleichbarkeit zu ermöglichen: Nur wenn der Scope identisch oder vergleichbar ist, können SCI-Werte verschiedener Systeme oder Messungen miteinander verglichen werden.
- Transparenz zu schaffen: Die Scope-Definition macht deutlich, welche Emissionen berücksichtigt wurden und welche nicht.
- Fokus zu setzen: Die Scope-Definition hilft, die Messung auf die relevantesten Aspekte zu konzentrieren.
Beispiele für verschiedene SCI Scopes
- Scope: Backend-Service im Betrieb
- Systemgrenzen: Ein spezifischer Backend-Service auf einem Cloud-Server
- Lebenszyklusphasen: Nur der Betrieb
- Emissionstypen: Emissionen aus dem Stromverbrauch des Servers
- Funktionale Einheit: gCO2e pro API-Aufruf
- Scope: Gesamte Webanwendung
- Systemgrenzen: Frontend und Backend, alle zugehörigen Dienste
- Lebenszyklusphasen: Nur der Betrieb
- Emissionstypen: Emissionen aus dem Stromverbrauch von Servern und Client-Geräten, graue Energie der Server
- Funktionale Einheit: gCO2e pro Seitenaufruf
Dokumentation des SCI Scopes
Die Scope-Definition sollte klar und detailliert dokumentiert werden, um die Transparenz und Vergleichbarkeit der Messung zu gewährleisten.
Fazit
Green IT ist ein Marathon, kein Sprint. Es geht darum, konstant dranzubleiben und sich nicht von der Komplexität entmutigen zu lassen. Aller Anfang mag schwer sein, aber jeder kleine Schritt zählt und führt am Ende zu grossen Veränderungen. Wichtig ist, mit dem Messen zu beginnen, egal wie „unperfekt“ die erste Messung erscheinen mag. Die gewonnenen Erkenntnisse sind der Startpunkt für Verbesserungen. Konzentriere dich auf das Wesentliche und versuche nicht, alles auf einmal perfekt zu machen. Weniger ist oft mehr. Wähle eine Methode und einen Scope, bleibe dabei und vergleiche deine Fortschritte über die Zeit.
Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Messen von CO₂-Emissionen in IT-Projekten gemacht?
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Member of the Technical Board