LinuxCon Europe 2011

Ende Oktober fand in Prag die erste LinuxCon Europe statt. Neben dem interessanten Programm war natürlich auch die Stadt eine Reise wert. André und Martin berichten vom Event.

Das Interesse an der ersten LinuxCon in Europa war gross und die über 600 Teilnehmer wurden nicht enttäuscht. Für Puzzle besuchten Martin und André den Event. Hier ihr Rückblick auf drei Tage Linux in Prag.

Key Notes

Imagine a World Without Linux;
Jim Zemlin, Executive Director of The Linux Foundation

Was wäre die Welt ohne Linux? Kurz zusammengefasst: Wir würden nach wie vor minutenlang vor startenden Windows Systemen warten, um dann bald von einem Bluescreen beim Arbeiten unterbrochen zu werden…

Kernel Developer Panel, Moderated by Lennart Poettering;
Linus Torvalds, Alan Cox, Thomas Gleixner and Paul McKenney

Endlich sehen wir Linus Torvalds, den Linux-Erfinder, live und er steht für eine Weile ganz in unserer Nähe. Schön, wie er sich als Kernel-Hacker zum Manager entwickelt hat und trotzdem völlig bodenständig geblieben ist. Heute verbringt er die meiste seiner Zeit mit dem Management der Weiterentwicklung und entscheidet, wie es mit der Betreuung der Community weitergeht. An seiner Seite sind die anderen Lead-Kernel-Entwickler. Zwei davon, Alan Cox und Thomas Gleixner, werden wir in den nächsten drei Tagen immer wieder in angeregten Gesprächen sehen. Linus hat sich allerdings gleich nach dem Kernel Developer Panel wieder zurückgezogen und wurde nicht mehr gesehen.

20 Years of Linux – A Somewhat Different Retrospective;
Dirk Hohndel, Chief Linux and Open Source Technologist at Intel

Eindrucksvoll, wenn uns vor Augen geführt wird, wie das IT-Umfeld zu früheren Kernel-Versionen ausgesehen hat (z.B. 3 1/2” Disketten). Dirk Hohndel verpackt die Retrospektive in eine unterhaltsame Geschichte und braucht keine einzelne Slide dazu.

Re-Defining the Cloud Phone;
Antti Aumo, President of Global Solutions at Ixonos

Schöne Träume 🙂 Während die Eltern sich auf dem Fernseher einen Film anschauen, spielen die Kinder im Garten. Wenn sich ein Kind zu weit weg vom Haus wegbewegt, sehen die Eltern auf dem Fernseher einen Hinweis. Handy, Musikanlage, Computer und Fernseher verschmelzen zu einer Einheit. Ob Linux da auch den Durchbruch bringt? Apple ist dem Traum im Moment sicher deutlich näher…

Business Themen

Why the Free Desktop Still Matters;
Vincent Untz, SUSE

Als Nicht-Techniker fand André vor allem die Vorträge spannend, denen er auch inhaltlich folgen konnte. 😉 Einer davon drehte sich um die Diskussion, ob der “freie Desktop” noch eine Zukunft hat. Nachdem in den letzten Jahren der Durchbruch (“20XX will be the year of Linux on the desktop”) immer um ein weiteres Jahr verschoben wurde, ist Linux auf dem Desktop als Thema in den Hintergrund gerückt. Vincent Untz glaubt jedoch daran, dass Linux auch auf dem Desktop Erfolg haben wird.

Free Open Source Software Deployment in Russia: Path to Success;
Dmitry Komissarov, Mandriva

Spannend und unterhaltsam zugleich war die Vorstellung der “Russian National Software Platform”. Dabei wurden die Pläne für den Aufbau einer offenen Software Plattform in Russland vorgestellt. Mit der politischen Initiative soll sich FOSS in staatlichen Institutionen als Standard durchsetzen. Interessant waren dabei die innerpolitischen und kulturellen Hürden, mit welchen die Initianten konfrontiert werden. Bei der Behauptung, Software in Russland sei generell “frei” verfügbar, handle es sich jedoch um ein Gerücht.

Mission Impossible: Can I Replace My Business Critical IT With Open Source?;
Dr. Michael Meskes, credativ GmbH

Der Redner zeigte uns, dass es tatsächlich möglich ist, mit Open Source eine businesskritische IT zu betreiben. Wir wurden allerdings den Verdacht nicht los, dass eine Umsetzung ohne seine Lösungen und seine Beratung sehr schwierig wird. 😉

Where is the Money in Open Source? Business Models and the Marketing of Open Source Technologies;
Nithya Ruff, Wind River Systems

Bei dieser zentralen Frage war es nicht erstaunlich, dass der Saal bis auf den letzten Stehplatz gefüllt war. Nithya Ruff zerlegte zuerst das Gefäss “Open Source” in drei Communities: Produzenten, Distributoren und Konsumenten. Danach zeigte sie auf, wie auf den verschiedenen Ebenen ein Mehrwert generiert und mit “freier” Software Geld verdient werden kann.

Tech Themen

Quo vadis Linux File Systems: An Operations Point of View on Ext4 and BtrFS ;
Udo Seidel, Amadeus Data Processing GmbH

Udo Seidel erläutert uns die Unterschiede und Vorzüge der beiden Dateisysteme. So kann jetzt Ext4 bis zu 1 EB (= 1024 PB) Daten adressieren (ext3 kann “nur” 16 TB). Die maximale Dateigrösse bei Ext4 ist 16TB (ext3: nur 2TB). Ein weiterer Vorteil von Ext4 ist zudem, dass alle bekannten Tools weiterhin eingesetzt werden können (mkfs, fsck, tune2fs, e2label). Es ist somit “easy to re-use”. BTRFS ist das neuere Dateisystem, immer noch experimentell. Allerdings bringt es einige
interessante Features, die in Ext4 nicht enthalten sind: Compression, spezielle Unterstützung für SSD. Udo Seidel meint, die Zukunft gehöre BTRFS. Es sei eine “in place migration” von Ext3 möglich.

File and Storage Systems: Making Complex Systems Easy to Use;
Ric Wheeler, Red Hat

Selbst aus der Sicht von Martin ein sehr technischer Vortrag, bei dem sich der Redner vornehmlich mit seinen Bekannten im Publikum unterhalten hat.

MeeGo; diverse Sessions

Ueber MeeGo gab es viele Sessions und auch einen Stand. Wir hatten gedacht, dass MeeGo kein Thema mehr sei neben iOS und Android. Wie es aber scheint, gibt es eine von Intel stark geförderte Community. Martin hat sich schliesslich das aktuelle MeeGo Netbook Image auf einen Memorystick gezogen und auf seinem eee-pc installiert. Prinzipiell ist es ein Linux-Desktop mit einer stark vereinheitlichten Oberfläche. Als Mail-Programm wird Evolution verwendet (das sieht man der Oberfläche aber nicht an, erst an den Konfigurationsdialogen, die noch nicht dem Look and Feel von MeeGo angepasst sind).

Staying Alive – Establish a Nearly Unbreakable IT Infrastructure by Fair Means;
Thomas Groß, teegee

Schwerpunkt des Vortrags waren die verschiedenen Konfigurationen von Heartbeat mit KVM und Live-Migration. Fazit: mit etwas Handwerk ist eine automatische Live-Migration von virtuellen Systemen mittels Open Source Tools genauso gut möglich wie mit proprietärer Software.

Experiences booting 100s of thousands to millions of Linux VMs;
Andrew John Sweeney, Sandia National Labs

Sehr spannender Vortrag, denn der Redner erzählte von seinen Erfahrungen beim Bauen und Betrieb von Supercomputern. Beim Einsatz von über hundert identischen Servern konnte der Redner feststellen, dass als identisch ausgezeichnete Hardware manchmal doch nicht 100% identisch ist. So hatte das Team Herausforderungen mit
unterschiedlich bestückten Mainboards und Netzwerkkarten zu meistern. Der Ansatz war, mit einem möglichst Hardware-unabhängigen Kernel und Rootfilesystem die Systeme direkt vom Netzwerk zu booten. Auf lokale Harddisks wurde verzichtet, weil bei einer so grossen Anzahl von Systemen der Betrieb (z.b. Austausch von Festplatten) viel zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte.

Managing KVM With Open Source Projects and Closed Source Products;
Tony Gargya, IBM

Typischer IBM Vortrag. Slides mit sehr detaillierten Zeichnungen und viel kleinem Text (nicht abschätzig gemeint). 😉 Martin fühlte sich an eine Vorlesung in der Uni zurückversetzt. Wir kriegten einen recht umfassenden Überblick über die Projekte und Produkte rund um die KVM (Kernel Based Virtual Machine).

Introduction to Configuration Management with Puppet;
Garrett Honeycutt, PuppetLabs

Mit dem Puppet Vortrag von Garry Honeycut haben wir unseren Besuch an der Linuxcon abgeschlossen. Der Vortrag stiess auf reges Interesse und es gab viele, die sich nach dem Vortrag noch mit Fragen aus ihrer Praxis an den Redner wandten.

Fazit

Die Vorträge waren insgesamt interessant und gut auf das Zielpublikum ausgerichtet. Die meistgenannten Themen waren Filesystems (ua btrfs, ext4), High Availability, Cloud und die Treiber hinter Linux und Open Source Software. Wer sich gerne ein eigenes Bild davon machen möchte, findet auf der LinuxCon Site die entsprechenden Slides.

Prag bot uns mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten eine willkommene Abwechslung zu den kopflastigen Vorträgen (man sagt, das Bier sei hervorragend und auch das Nachtleben habe es in sich). Die Stadt ist auf jeden Fall eine Reise Wert!

Kommentare sind geschlossen.